Wenn die Geburt an der Plazenta vorbei erfolgen muss 24. Apr. 2025 Ein interdisziplinäres Team am Kantonsspital Graubünden (KSGR) hat bei einer werdenden Mutter erfolgreich eine komplexe Operation mit eingewachsener Plazenta in Fehllage durchgeführt. Ein medizinischer Meilenstein. Bild Unter den im Operationssaal anwesenden Leuten herrschte eine geschäftige Stimmung und alle Beteiligten waren fokussiert auf das Wohl von Mutter und Kind. Die Plazenta ist ein temporäres Organ, das sich während der Schwangerschaft in der Gebärmutter bildet. Sie verbindet den Embryo bzw. Fötus mit der Mutter und übernimmt lebenswichtige Funktionen wie zum Beispiel die Versorgung des Babys mit Nährstoffen und Sauerstoff, die Entsorgung von Abfallstoffen und die Hormonproduktion. Sie haftet an der Innenwand der Gebärmutter und ist mit der Nabelschnur mit dem Baby verbunden. Ihre Position kann variieren (z. B. Vorderwand-, Hinterwand- oder tiefsitzende Plazenta). Nach der Geburt des Babys löst sich die Plazenta von der Gebärmutterwand und wird als Nachgeburt ausgestossen.In besonderen Fällen kann die Plazenta eine natürliche Geburt erschweren oder sogar verunmöglichen. Mit einer besonders herausfordernden Konstellation sah sich vor Kurzem die Geburtshilfe des Kantonsspitals Graubünden (KSGR) konfrontiert. Diagnose Plazenta praevia totalis mit Plazenta accretaIn der 30. Schwangerschaftswoche wurde bei einer werdenden Mutter in der Frauenklinik Fontana des KSGR eine «Plazenta praevia totalis» in Kombination mit einer «Plazenta accreta» diagnostiziert. Dr. med. Carolin Blume, Chefärztin Geburtshilfe und stellvertretende Departementsleiterin der Frauenklinik Fontana am KSGR, erklärt: «Die Plazenta bedeckte den Muttermund und damit den Geburtskanal vollständig (Plazenta praevia totalis) und war gleichzeitig gefährlich innig mit der Gebärmutterwand verwachsen (Plazenta accreta). Das unterscheidet sich stark von einer normalen Plazentaentwicklung.» Antizipieren, Planen, Auf- und ErklärenDa der natürliche Geburtsweg versperrt war, musste das Kind per Kaiserschnitt geholt werden. Die besondere Herausforderung: Die Plazenta war an der gesamten Vorderwand der Gebärmutter mit der Gebärmutterwand verwachsen, sodass der Kaiserschnitt direkt durch die stark durchblutete Plazenta erfolgen musste. Zudem musste die eingewachsene Plazenta vorsichtig von der Gebärmutterinnenwand gelöst werden – ein Vorgang, der in dieser besonderen Konstellation mit erheblichem Blutverlust einhergehen kann. Daher bereitete sich das Team umfassend auf potenzielle Komplikationen, insbesondere starke Blutungen, vor. Detaillierte Planung und interdisziplinäre ZusammenarbeitDr. med. Martin Hänel, Leitender Arzt Gynäkologie/Geburtshilfe am KSGR, war für die Planung der Operation zuständig: «Wir haben zahlreiche Untersuchungen durchgeführt und verschiedene Szenarien durchgespielt, um bestmöglich auf jede Eventualität vorbereitet zu sein.» Dafür wurden auch Spezialistinnen und Spezialisten aus anderen Fachbereichen mit ins Team geholt.Ein wichtiger Aspekt war auch die ausführliche Aufklärung der werdenden Eltern und deren Familie. In mehreren Gesprächen haben Blume und Hänel Fragen beantwortet, Methoden erläutert und Unsicherheiten aus dem Weg geschafft. Massnahmen zur RisikominimierungEin Schwerpunkt lag auf dem sogenannten «Patientenblut-Management», um den Blutverlust während der Operation zu minimieren und im Notfall schnell eingreifen zu können. Da es sich aus medizinischen Gründen und zum Wohle der Mutter um eine geplante Frühgeburt handelte, wurden zudem Kinderärztinnen und Kinderärzte der Kinderklinik involviert. Die Anästhesie legte die optimale Narkosemethode fest, während die Urologie Vorbereitungen traf, falls eine erweiterte Beckenoperation erforderlich wäre. Einsatz interventioneller RadiologieEin weiterer wichtiger Akteur war Dr. Patrick Knüsel, interventioneller Radiologe am KSGR. Er platzierte vor der eigentlichen Kaiserschnitt-Operation minimalinvasiv kleine Ballons in die Hauptarterien des Beckens. Im Falle starker Blutungen konnten diese aufgeblasen werden, um die Blutzufuhr gezielt vorübergehend zu stoppen. Eine Unterstützung, die es bei einem Kaiserschnitt am KSGR so noch nicht gegeben hat. Optimale Bedingungen für die OperationAufgrund der technischen Anforderungen wurde entschieden, die Operation nicht am Standort Fontana, sondern am Hauptstandort des KSGR durchzuführen. Dort stand ein Röntgengerät für den interventionellen Radiologen zur Verfügung. Zusätzlich bot dieser Standort die Nähe zu Labor, Blutbank, Intensivstation und Neonatologie. So wären die Wege im Falle von Komplikationen während der Operation so kurz wie möglich gewesen. Und das Orchester harmoniertSchliesslich war es soweit und das interdisziplinäre Team aus Spezialistinnen und Spezialisten diverser Fachbereiche führte eine Operation durch, die es genau so, mit dem Einsatz des interventionellen Radiologen, noch nie im KSGR gegeben hat. «Man hat schon gemerkt, dass es eine aussergewöhnliche Situation ist», beschreibt Blume das Drumherum während der Operation: «Unter den vielen anwesenden Leuten herrschte eine geschäftige Stimmung und alle Beteiligten waren fokussiert auf das Wohl von Mutter und Kind. Es war, wie wenn ein Orchester zu spielen beginnt und man merkt, dass es harmoniert», fasst Blume zusammen.Während ein normaler Kaiserschnitt etwa 30 Minuten dauert, nahm dieser Eingriff zwei Stunden in Anspruch. Doch das Ergebnis war erfolgreich: Mutter und Kind – und auch der Vater – sind wohlauf.Ein bemerkenswerter Erfolg für das gesamte Team und in dieser Form und Zusammenstellung eine Premiere für das Kantonsspital Graubünden.
Bild Unter den im Operationssaal anwesenden Leuten herrschte eine geschäftige Stimmung und alle Beteiligten waren fokussiert auf das Wohl von Mutter und Kind.